Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Plischke

„Innovationen sind der Motor der Nachhaltigkeit“

Prof. Dr. Wolfgang Plischke, im Vorstand der Bayer AG verantwortlich für die Bereiche Innovation, Technologie und Umwelt sowie die Region Asien / Pazifik
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Prof. Dr. Wolfgang Plischke, im Vorstand der Bayer AG verantwortlich für die Bereiche Innovation, Technologie und Umwelt sowie die Region Asien / Pazifik
Herr Prof. Dr. Plischke, Bayer bekennt sich zum Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung. Dabei geht es um langfristige Fragestellungen. Birgt die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise die Gefahr, dass Unternehmen notwendige Investitionen in die Zukunft verschieben?
Die Gefahr mag bestehen – aber nicht bei Bayer. Denn wir wollen Zeichen setzen. Deshalb werden wir zum Beispiel unsere Ausgaben für Forschung und Entwicklung in diesem Jahr trotz des schwierigen Umfelds auf die Rekordsumme von 2,9 Milliarden Euro erhöhen. Denn für uns ist klar: Innovationen sind der Motor der Nachhaltigkeit. Hier zu sparen, hieße zu kurzfristig zu denken und zu planen. Außerdem bekennen wir uns zum Klimaschutz und führen unser 2007 gestartetes Klimaprogramm konsequent weiter. Im Rahmen dieses Programms wollen wir bis zum Jahr 2010 insgesamt eine Milliarde Euro investieren.
 
Wie können die Klimaschutzaktivitäten von Unternehmen politisch unterstützt werden?
Wir brauchen dringend effektive Regelungen für eine deutliche Minderung der Treibhausgas-Emissionen auf globaler Ebene. Ich plädiere in diesem Zusammenhang für eine strategische Allianz von Politik und Wirtschaft. Die internationale Klimakonferenz Ende des Jahres in Kopenhagen muss dafür die Weichen stellen.
Welchen Beitrag können die Unternehmen in einer solchen Allianz leisten?
Da gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Eine Studie über die Kosten des Klimaschutzes, die die Unternehmensberatung McKinsey im Januar 2009 in Brüssel vorgestellt hat, zeigt, dass bis 2030 im Vergleich zu 1990 weltweit über ein Drittel der Emissionen eingespart werden könnte – zu Kosten, die unter einem Prozent des globalen Brutto-Inlandsprodukts liegen. Der größte Teil davon kann durch technische Maßnahmen realisiert werden, die heute schon wirtschaftlich sinnvoll sind, da sich die notwendigen Investitionen durch Einsparungen von Energiekosten finanzieren. Zum Beispiel könnten eine bessere Wärmedämmung oder spritsparende Fahrzeuge die Energieeffizienz erheblich steigern.
Dies macht deutlich: Erstens braucht die Politik die Unternehmen, da nur sie über das technische Know-how verfügen. Zweitens bieten sich hier für viele Unternehmen große Chancen. Es handelt sich also um eine Win-win-Situation.
Kann auch Bayer davon profitieren?
Natürlich! Zurzeit analysieren wir im Rahmen unseres Klimaprogramms zum Beispiel weltweit unsere Standorte, um neue Potenziale und Umsetzungswege zur Emissionsreduktion zu identifizieren und unsere anspruchsvollen Emissionsziele zu erreichen. Wir erwarten durch die Optimierung unserer Prozesse eine Senkung der Treibhausgas-Emissionen – auf den gesamten Konzern gerechnet – um rund zehn Prozent. Das hilft nicht nur dem Klima, sondern spart auch Kosten und macht unsere Standorte noch wettbewerbsfähiger.
Aber die Verbesserung unserer eigenen Energieeffizienz ist nur der eine Teil, ein ebenso wichtiger sind unsere innovativen Produkte, die zur Reduzierung der Emissionen rund um den Globus beitragen. Denken Sie an unsere Dämmstoffe oder an unsere hochwertigen Materialien, die im Automobilbau den Energieverbrauch reduzieren helfen.
Welche weiteren wichtigen Handlungsfelder für eine nachhaltige Entwicklung sehen Sie außer dem Klimaschutz?
Denken wir nur an die wachsende Weltbevölkerung und den steigenden Nahrungsmittelbedarf. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO werden im Jahr 2050 mehr als neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Um deren Ernährung zu sichern, müsste sich die Agrarproduktion bis dahin verdoppeln. Die Zahlen zeigen eindeutig, dass dies nur durch den Einsatz moderner Pflanzenschutzmittel und innovativen Saatguts im Rahmen einer nachhaltigen Landwirtschaft möglich sein wird, denn die vorhandenen Anbauflächen lassen sich nicht ausdehnen. Auf beiden Gebieten sind wir erfolgreich tätig.
Neben der Steigerung der Ernteerträge wird auch der zunehmende Wassermangel zum Thema der Nachhaltigkeit.
Das ist richtig. Wasser ist ein Problemfeld mit wachsender Brisanz, aber auch mit regional sehr unterschiedlichen Fragestellungen. In Deutschland beispielsweise ist die Wasserqualität das primäre Thema. Bayer hat schon sehr früh eine leistungsstarke Klärtechnik entwickelt und eingesetzt – übrigens auch für die Klärung kommunaler Abwässer. In vielen Regionen der Welt jedoch fehlt es an sauberem Trinkwasser. Allzu häufig werden dort die Wasservorräte unverhältnismäßig für die Bewässerung der Felder genutzt. Weltweit werden 70 Prozent des aus Süßquellen entnommenen Wassers in der Landwirtschaft eingesetzt, daher forschen wir nach Saatgut und entwickeln Anbaumethoden, die mit weniger Wasser auskommen. Um darüber hinaus Lösungen gemeinsam mit anderen Partnern zu fördern, haben wir uns 2008 durch die Unterzeichnung des CEO Water Mandate des UN Global Compact öffentlich verpflichtet. Bayer möchte auch hier seine langjährige Expertise und seine Innovationskraft dafür einsetzen, nachhaltige Lösungen für den weltweiten Wasserschutz und einen effizienten Umgang mit Wasser zu entwickeln. Diesem Ziel dient auch der Global Exploration Fund, den wir mit National Geographic zur Förderung von Forschungsprojekten errichtet haben.
Die Gesundheit vieler Menschen ist nicht nur von Hunger und Durst bedroht. Vor allem die Entwicklungsländer sind vom mangelhaften Zugang zu medizinischer Versorgung betroffen. Wie geht Bayer diese Problematik an?
Wir verfolgen das Ziel, in Schwellen- und Entwicklungsländern den Zugang zu unseren Medikamenten zu verbessern, damit möglichst viele Menschen von den Bayer-Innovationen profitieren. Dazu haben wir jüngst eine Strategie namens Social Health Care Programs entwickelt, in der wir unsere bisherigen Maßnahmen bündeln. Dabei geht es beispielsweise um den verbesserten Zugang zu innovativen Medikamenten zur Behandlung onkologischer und hämatologischer Krankheitsbilder. Aber auch um die Bekämpfung ansteckender Tropenkrankheiten sowie die weltweite Stärkung von Frauengesundheit und Familienplanung.
Sie haben eine ganze Reihe global wichtiger Herausforderungen genannt. Können Sie eine abschließende Bewertung dazu geben, wie sie sich bewältigen lassen?
Meiner Meinung nach lässt sich ein großer Teil der Probleme über den Zugang zu innovativen Produkten und Technologien lösen. Für jeden der zuvor genannten Bereiche gilt, dass der Technologie- und Informationstransfer in die Schwellen- und Entwicklungsländer auch politisch gefördert werden sollte. Dabei ist aber gerade für forschende Unternehmen wie Bayer wichtig, dass Patente und Schutzrechte gewahrt bleiben. Denn sie sind die Basis unserer Investitionen in Forschung und Entwicklung. Für die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen setzen wir auf einen global einheitlichen Emissionshandel mit einer einheitlichen CO2-Preisgestaltung. Solange es noch keinen globalen Emissionshandel gibt, sollten zur Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen in der eu die Emissionsberechtigungen kostenlos an die Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen, zugeteilt werden.
Eine letzte Frage: Im Nachhaltigkeitsprogramm des Bayer-Konzerns sind Ziele bis zum Jahr 2010 formuliert. Wie wird es danach weitergehen?
Das Thema Nachhaltigkeit wird für uns ganz zentral bleiben. Wir werden daher unser Nachhaltigkeitsprogramm im kommenden Jahr strategisch weiterentwickeln. Dazu gehört auch, dass wir uns neue Ziele setzen, um aktuelle Entwicklungen widerzuspiegeln und unsere Kompetenzen so gezielt wie möglich einzubringen. Deshalb werden wir unser Nachhaltigkeitsengagement noch stärker als bisher auf unser Kerngeschäft fokussieren und an den globalen Megatrends ausrichten.
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